Freitag, 25.12.09, 18.oo
Ich sitze im Zug von Stuttgart nach Hamburg. Nachdem ich vergeblich versuchte Weihnachten bei meiner Familie zu feiern, habe ich mich entschlossen, doch schnell nach Hamburg zurück zu fahren. Ich bekomme meinen Kopf nicht frei, bevor nicht einige Dinge geklärt sind.
Ich bin kein Held, wie auch. Schließlich kann man nicht heldenhaft Opfer von Polizeigewalt werden. Die Gründe für meine radikale Offenheit habe ich hier dargelegt. Ich kann verstehen, wenn das manche als zur Schau stellen begreifen. Jedoch ist das Internet für mich kein Zoo, in dem ich mich zur Schau stellen will. Ich bin auch kein Märtyrer für irgend wen.
Das Internet erzeugt aber gerade in einem Fall wie meinem einen unglaubliche Dynamik. Und erlaubt z.B. mir, ein Thema zu publizieren, was sonst nur über die Medien möglich wäre. Sich davon zu emanzipieren, nicht darauf vertrauen müssen, dass das Thema von einem Journalisten als wichtig genug eingeschätzt wird; nicht Angst haben müssen, Inhalte werden falsch zitiert und aus dem Kontext gerissen dargestellt. All dies wird obsolet, wenn man selbst viele Menschen erreichen kann, die sich für ein Thema interessieren. Dazu noch quasi in real-time. Das beeindruckt mich schon sehr.
Was mich antreibt, in der Sache hier schnell voran zu kommen ist auch nicht ein ein kleiner Beutel Schmerzensgeld. Ich bin auch nicht scharf darauf in den Medien zu sein und warte nur darauf, bis endlich Artikel über mich geschrieben werden.
Und auch wenn es klingt, als schrieb ich es, um mich wichtig zu machen: Es geht mir um Gerechtigkeit.
Darum, das verschiedene Menschen einsehen, dass mir unrecht wieder fahren ist, dass in individuellem Fehlverhalten begründet ist.
Das betrifft vor allem den Zuschlagenden, die Polizisten, die sich auf mich warfen und inhuman gewalttätig fesselten und sich bei alle dem noch über mich lustig machten.
Das betrifft des weiteren alle, die um die Szene herum standen, sie beobachteten und nicht ein schritten. Das nenne ich unterlassene Hilfeleistung.
Das betrifft die anwesenden Vorgesetzten (z.B. dem Einsatzleiter) des Zuschlagenden, der mich nicht fragte, was geschehen sei, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der scheinbar blind seinen Untergebenen vertraute, und sie tun ließ, was sie wollten.
Weder auf der Wache, noch sonst irgendwann später wurde ich von irgendwem gefragt, wie ich die Situation erlebt habe. Selbst 2 Tage danach hat sich niemand bei mir gemeldet. Warum hätte das auch geschehen sollen..? Für mich liegt darin schon ein versuch der Vertuschung. Und weil ich mich dafür einsetzen will, dass es in Zukunft weniger Opfer von Gewalt im Dienst gibt, probiere ich mal einen neuen, radikalen Weg. Einen, der jedem offen steht, in Zeiten von Internet 2.o.
Man sehe mir nach, dass ich in diesem Fall auch Fehler machen werde, mich hier und da unpräzise ausdrücke etc. Ich arbeite daran. Aber in der momentanen Situation, die für mich extremen Stress bedeutet, läuft nicht alles rund, und nicht jeder Satz kann 3 mal kontrolliert werden, bevor er gepostet wird. (kommas setzen war noch nie meine große Stärke)...
Als letztes noch ein ganz ganz herzliches Dankeschön ob der von mir erlebten Solidarität. Auch wenn ich in Stuttgart war, haben mich in den letzten Tagen so viele Telefonanrufe, mails, sms etc. erreicht, das ich nicht alle beantworten kann. Leute, die ich gar nicht kenne, empfehlen mir Anwälte, geben Tips für alles mögliche. Auch weil Ferien sind, kommen Nachrichten aus ganz Deutschland. Besonders freut mich, dass es Solidarisierungen & Ermutigungen gibt mit Studenten jeder politischen Couleur. Das zeigt mir, das wenn ein Problem wirklich drängt, auch über augenscheinliche rechts-links Stereotype hinweg gesehen werden kann.
Das würde ich mir auch im sonstigen Leben & Arbeiten viel öfter wünschen.
Danke für alles, und feiert noch schön Weihnachten, wo auch immer...
daniel
PS: Wenn ich am Telefon knapp dran bin, bitte nicht persönlich nehmen. Und wichtige Nachrichten am besten per mail schicken, dann gehen sie nicht verloren. Dringendes natürlich immer gern per Handy...
Samstag, 26. Dezember 2009
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Wenn du Gerechtigkeit willst, verklag die Hamburger Polizei, benenne Deine Zeugen und die Sache wird verhandelt.
AntwortenLöschenWas einen ganzer Blog mit der Überschrift "Misshandlung durch Polizeibeamte" und ein eilig entworfenes Solidaritätslogo auf einer anderen Website noch von einer "groß aufgezogenen Kampagne", wie du an anderer Stelle schreibst, unterscheidet, ist mir reichlich unklar.
Wenn jeder, der sich ungerecht behandelt fühlt so eine Nummer abziehen würde, wäre das Internet ziemlich vollgemüllt.
Jeder, der was beitragen kann zu deinem Standpunkt, weiß nun wo er sich melden kann; der Rest ist reine Stimmungsmache. Wir sind hier nicht in irgendeinem totalitären Staat sondern haben ein weitgehend funktionierendes Rechtssystem, also wende einfach die Dir zur Verfügung stehenden Rechtsmittel an.
ja, da ist durchaus was dran, auch wenn das differenzierter betrachtet werden muss.
AntwortenLöschender blog widmet sich halt nur dem einen thema. deswegen der titel.
das logo finde ich auch eher unglücklich. Ich habe nichts mit der erstellung zu tun und wurde auch nicht gefragt, bevor es publiziert wurde.
erst recht finde ich es kampagnenhaft, wenn es sich irgendwer zum profilbild macht ;) ich bin ja nicht robert enke, und auch da fand ich das schon sehr komisch.
Ein Problem des Bildes ist halt z.B. das es nicht den komplexen Sachverhalt beschreiben kann. Das schaffe ich ja schon in zig seiten kaum ;) Das Bild erweckt bedient ja irgendwie auch das Stereotyp des prügelnden Polizisten. Das in Zusammenhang mit den Händen kommt auch mir kampagnenhaft vor. Zudem wurde ich ja nicht mit einem Schlagstock verprügelt.
Und ich finde auch, ich hätte kurz gefragt werden können, ob ich mit der Grafik einverstanden bin...
Ich hab einen post erstellt, in dem ich mich von dem ding distanziere. damit sollte es auch verschwinden...
danke für den hinweis. ich hab das bild gestern abend nur ganz kurz gesehen und nicht richtig wahrgenommen.
Weiter:
Die Polizei zu verklagen ist nicht so einfach. Es gab in Berlin 2007 rund 1800 Anzeigen gegen Polizisten im Dienst. Verurteilt wurden 3. Das zeigt schon, das interne Ermittlungen nicht einfach sind. Es gibt wohl schon ein besonderes In-Group/Out-Group Verständnis vieler Polizisten.
Ich bin mir sicher, das auch viele betroffene schweigen, weil sie denken, das eine Klage ohnehin keinen Erfolg habe. Was ich auch irgendwie verstehen kann.
Also entschloss ich mich, mit dem Blog und der radikalen Öffentlichkeit den Druck auf die Polizei und weitere Beteiligten zu erhöhen.
Dazu habe ich inzwischen sehr viele Hilfe bekommen, die ich brache.
Zeugen gibt es ja bisher kaum welche. Deswegen muss auch Druck auf die Polizei erzeugt werden, das Polizei Video des Einsatzes, das mich aus 5 metern entfernung filmte, zu publizieren oder als beweismittel zur Verfügung zu stellen.
Leider fürchte ich, das Video könnte zfällig verschwinden...
Zeugen melden sich halt auch nur dann, wenn sie wissen, das sie gesucht werden. Sonst denken sie, sie würden nicht benötigt, und ich hätte Gewalt verübt, und das hätte meine Misshandlung legitimiert.
also das internet ist schon völlig zu gemüllt. um des festzustellen braucht man sich nicht lange um zu sehen! Das Internet kann aber auf der anderen Seite auch nicht wirklich zu gemüllt werden, weil es ja irgendwie unendlich ist. Du kannst ja wege wählen, wie du willst, und damit dem müll umgehen. Das internet ist ja keine strasse, wo ich irgendwem einen Platz wegnehme, und wenn dich das thema nicht interessiert, dann lies doch einfach nicht darüber.
stimme dir zu bei: weitgehend funktionierend. weitgehend eben. http://www.youtube.com/watch?v=UL6MAeFy42I der monitor bericht belegt das. Opfer werden auch unschuldige. Und es gibt sehr viele Fälle, in denen ein Polizist einer Gruppe durchdreht, und die anderen ihn zuerst nicht daran hintern und später decken. Es gibt Berichte von massivestem Mobbing für die couragierten "Verräter", was hin und wieder bis zu Morddrohungen geht.
Sobald feststeht, das das Video zur verfügung steht, werde ich auch nicht mehr so viel publizieren. Denn das ist besser als jeder Zeuge etc.
Würde mir sehr sehr wünschen, das sich die Polizei und die Löschper endlich öffentlich zu meinen Vorwürfen äussern...
daniel
Mal abgesehen von einem Bericht bei Panorama zeigt die Erfahrung von Leuten mit solchen Situationen, dass es aufgrund von fehlenden Kennzeichnungen von Polizisten, dass sie sich nicht gegenseitig ans Bein pissen, dadurch Anzeigen gegen Unbekannt, auch wegen letztendlich fehlender Polizeivideos fast immer im Sande verlaufen.
AntwortenLöschenUnd zu dem "weitgehend funktionierenden Rechtssystem", dies existiert im Bezug auf die Polizei auch nicht nach dem Prinzip "Alle sind vor dem Gesetz gleich". Aussagen von Bullen zählen in solchen oder ähnlichen Situationen eigentlich immer mehr vor dem Richter und vor dem Staatsanwaltschaft sowieso, auch da wirst du bei ein wenig Internetrecherche genug Beispiele finden.
Wünsche dir natürlich trotzdem viel Erfolg und/oder Glück, aber das Einzige was du wohl erreichen wirst,ist mit der "gewonnen" Erfahrung zukünftig nicht mehr so blauäugig mit Situationen im Polizeikontext umzugehen.
hey bröckelhaus. was genau meinst du mit blauäugig? das mit der zigarette? oder das ich bisher dachte, die polizei sei gerechter?
AntwortenLöschengrüzi
bei der Zigarette nicht mit einer Reaktion zu rechnen, aber vor allem das konsequenzenlose Willkürpotential der Bullen zu unterschätzen.
AntwortenLöschenInsofern bist du blauäugig mit dieser situation umgegangen das ohne eine ausreichende öffentlichkeit es in der vergangenheit schon mehrfach zu übergriffen durch polizeibeamte gekommen ist. So komisch wie das für dich jetzt klingen mag. Dein Glaube an den rechtsstaat ist ja süss aber leider unrealistisch. Habe selber schon mitbekommen wie pressevertreter zusammengeschlagen wurden, weil sie zur falschen zeit ein foto gemacht haben. Das bei unserer demokratie der lack ab ist merken die meisten eben erst wenn sie sich selbst in einer konkreten situation dazu wiederfinden. Aber nimm den kampf gegen die windmühlen ruhig auf und mache deine erfahrungen damit. Ich wünsche dir auf deinem weg viel glück aber mache dir keine illussionen! Du wirst keine entschuldigung bekommen und der zugriff gegen dich wird mit beamtenbeleidigung, wiederstand gegen die staatsgewalt oder irgend etwas anderem was gerade passt begründet werden.
AntwortenLöschenWill dir gar nicht die hoffnung nehmen, aber ich habe in meinem leben schon zu viel ungerechtfertigte polizeigewalt gesehen die folgenlos blieb, als das ich glaube das sich durch deinen (relativ harmlosen fall) etwas in unserem system ändern würde. Manchmal kann ich in diesem kontex aus frust und hilflosigkeit auch verstehen warum menschen "sinnlos" randalieren oder autos anzünden.
Man mag das als einen Kampf gegen Windmühlen sehen, aber nicht kämpfen hilft noch viel weniger.
AntwortenLöschenIch bin nicht Daniel, aber Unrecht, dass einem geschieht, auf sich beruhen lassen, ist sicher nicht gesund - zumindest solange man Energie hat, dem nachzugehen.
Und gegen Polizeigewalt im Allgemeinen hilft es auch nicht, sich nicht hinter eine Anzeige zu klemmen.
Dass nichts tun nichts hilft impliziert natürlich nicht, dass das Gegenteil, also Aktion, hilfreicher ist, aber ehe man in der bringt-eh-nichts-stimmung resigniert, sollte man sich überlegen, was Resignation mit der betroffenen Person und im größeren Massstab mit der Gesellschaft macht. Ich denke, es würde die Situation verschlimmern.
Daniel, entschuldige bitte, falls ich jetzt Deine Seite über Dein privates Erleben "märtyrermäßig" zweckentfremde (bitte lösch meinen Kommentar, falls Dich das zu sehr nervt), aber ich würde gerne noch folgendes hinzufügen:
Auch wenn Daniel auf dem Gerichtsweg nicht das erreicht, was er für sich benötigt, setzen sich durch die Öffentlichkeit dieses Blogs vielleicht Menschen mit Polizeigewalt auseinander, die das bisher nicht getan haben oder gewinnen den Mut, selbst eine Anzeige zu erstatten, falls sie betroffen sind.